Februar 10, 2017 : News




«Musste nicht mal eine Minute überlegen»

«Kucko», Peter oder doch Herr Kukucka. Wie werden Sie von den Spielern angesprochen?

(lacht) Die meisten nennen mich einfach Coach. Mit einigen habe ich ja auch noch zusammengespielt, die nennen mich weiterhin Kucko. Ich brauche mir keinen künstlichen Respekt verschaffen, in dem ich mich siezen lassen. Ich will mir den Respekt der Spieler durch mein Tun und mein Handeln erarbeiten.

Mit einigen aktuellen Spielern glänzten Sie noch selbst auf dem Feld. Hat ein Routinier wie David Graubner nicht verdutzt geguckt, als plötzlich Sie das Trainerzepter schwangen?

Wie David das findet, das müssen Sie ihn fragen. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ihn die Kombination stört. Wir haben schliesslich dieselben Ziele, wir wollen Erfolg haben. Also kämpfen wir auch gemeinsam dafür. Ich habe selbst als Spieler einige Trainer erlebt, die distanziert waren. Das habe ich nicht gemocht, der zu grosse Respekt stand immer im Weg. Ich bin lieber näher dran am Team, so stärken wir auch den Zusammenhalt.

Die Schaffhauser Musketiere: einer für alle, alle für einen?

So extrem würde ich das nicht ausdrücken. Wir gehen sicher nicht jeden Tag gemeinsam Kaffee trinken. In einer Mannschaft gibt es so viele verschiedene Charaktere, da können nicht alle miteinander befreundet sein. Und das will ich auch nicht, wir brauchen Kontroversen. Was wir aber immer müssen: das gemeinsame Ziel vor Augen haben.

Wie war denn nun das erste Mal? Ihr Cheftrainerdebüt gegen Suhr Aarau endete mit einem knappen Sieg?

Das hat mir gut gefallen. Ich hatte schon etwas Respekt vor dem ersten Match als Chefcoach. Mit dem Anpfiff war die Nervosität sofort weg und ich konnte das Spiel richtig geniessen.

Konnten Sie in der Nacht davor gut schlafen?

Ich bin ein Perfektionist, wenn es um Handball geht. So habe ich ein bisschen schlechter geschlafen, weil ich wusste, was die Mannschaft braucht. Offensive, Defensive, die Einstellung. Überall können wir uns verbessern. Ich werde auch erst wieder besser schlafen, wenn ich die geforderten Verbesserungen sehe und spüre.

Haben Sie schon gegen Suhr Aarau Veränderungen gesehen?

Wir hatten davor nur zwei Trainingseinheiten. Aber ja, ich habe viel Positives gesehen. Das habe ich den Jungs nach dem Match in der Kabine auch gleich gesagt.

Von der Tribüne aus hatte man gegen Suhr Aarau das Gefühl, die Mannschaft wirkte gelöster und spritziger …

Wenn ein neuer Trainer kommt, gibt das automatisch neue Impulse. Wir haben aber noch viel Arbeit vor uns, bis meine Philosophie und meine Systeme sitzen. Die Mannschaft hat viel Potenzial, nur wurde das zuletzt nicht immer ausgespielt

Warum nicht?

Jeder Trainer hat seine Spielidee. Vielleicht musste die Mannschaft zu viel improvisieren. Ich bin eher der Typ, der Spielzüge genau einstudiert. Ich will nicht, dass wir im Angriff auf Lotterie spielen nach dem Motto: Vielleicht klappt es, vielleicht nicht. Wir werden aber auch viel in der Defensive arbeiten müssen.

Wo sind da die Probleme?

Ich würde das nicht Pro­bleme nennen. Wir müssen kompakter stehen. In der Defensive geht es darum, dass du vom Kopf her bereit sein musst. Dass du beweglich bist, dass du bereit bist, hart zu sein. Fair, aber hart.

Wie wollen Sie das alles erreichen in dieser kurzen Zeit?

Schritt für Schritt. Nehmen wir den Angriff: Da wollen wir schnell drei oder vier Züge einstudieren und darauf dann aufbauen. Ich kann nicht herkommen und fordern, dass wir gleich 20 Variationen perfekt beherrschen. Das Ganze ist ein Prozess.

Sie sagten auch, dass es vorrangig darum geht, wieder Leidenschaft und Einsatz zu spüren …

Mehr Leidenschaft und Einsatz habe ich schon gegen Suhr Aarau gespürt.

Lässt sich über die Aktivierung dieser Elemente kurzfristig ein Leistungsschub erreichen?

Natürlich. Wenn du mit Leidenschaft dabei bist, geht doch alles leichter. Wenn das Adrenalin durch deinen Körper strömt und der Puls auf 180 ist, dann spürst du doch weder Müdigkeit noch Schmerzen.

Wie waren denn Ihre Emotionen, als Giorgio Behr anrief und sagte, Sie sollen neuer Cheftrainer werden?

Ein solcher Anruf von Giorgio Behr war nichts Neues. Er fragte mich bereits zweimal, ob ich Assistent bei den Profis werden will.

Und warum sagten Sie jeweils ab?

Nur um es klar zu sagen: Ich komme menschlich sehr gut mit Lars Walther aus. Ich habe aber ganz einfach eine andere Philosophie vom Handball. Deshalb wollte ich nicht Co-Trainer werden.

Mussten Sie dann lange überlegen, als Sie Chef werden konnten?

Nicht mal eine Minute.

Haben Sie Lars Walther noch mal gesprochen nach dem Wechsel?

Wir haben uns die Hand gereicht, und er hat mir Glück gewünscht. Er fragte mich noch, ob es okay für mich sei, wenn er zum Abschied noch ein Bier mit den Spielern trinken gehe. Da hatte ich überhaupt nichts dagegen, Lars ging im Guten weg von den Kadetten.

Wie hat denn Giorgio Behr das erste Spiel unter Ihrer Regie erlebt?

Er kam nach dem Spiel und hat eine kleine Zusammenfassung gemacht. Die war eigentlich durchweg positiv.

Er hat Sie aber auch gleich unter Druck gesetzt: «Peter wird die Abwehrarbeit sicher rasch stabilisieren und dem Angriffsspiel die nötige Dynamik einimpfen, damit die individuellen Stärken auf allen Positionen auch wirklich genutzt werden können.» Heisst im Umkehrschluss: Alles muss sich um 180 Grad drehen?

Ich habe selbst keine anderen Erwartungen. Ich bin Handball-bekloppt. Ich spüre keinen Druck von Giorgio Behr. Den Druck mache ich mir vielmehr selbst.

Sind Sie als Trainer sehr fordernd?

Ich fordere sehr viel Einsatz. So war ich auch als Spieler. Ich war nie mit dem Mittelmass zufrieden.

Sie sind mit 34 Jahren ein sehr junger Trainer. Stellen Sie sich vor, Sie wären noch Spieler und bekämen sich als Trainer. Wie würden Sie reagieren?

(lacht) Ich wäre glücklich.

Wieso?

Weil ich spüren würde, dass da ein Trainer ist, der eine Idee und Ziele hat.

Jetzt kommt Kiel. Wie gehen Sie das Spiel an?

Meine Jungs müssen das Spiel geniessen, das ist ein Highlight-Match. Ich will vor allem nicht, dass wir mit Angst oder zu viel Respekt auftreten.

Wäre die Verletzung nicht dazwischengekommen, würden Sie vielleicht noch selbst auf dem Feld stehen. Zucken ab und an noch die Beine?

Während des Spiels denke ich mir oft, was ich in speziellen Situationen machen würde. Dann suche ich direkt das Gespräch mit den Jungs.

Hatten Sie nach Ihrem Verletzung-Aus auch mal eine «Keine-Lust-auf-Handball»-Phase?

Ich habe ein gutes Jahr nichts gemacht.

Konnten Sie da die Batterien wieder komplett aufladen?

Ich konnte viele Bücher lesen, war im Schachclub aktiv und habe viel Zeit mit meiner Familie verbracht.

Kommen Sie jetzt noch zum Lesen und zum Schach Spielen?

Das wird sicher schwieriger. Aber ich habe immer ein Buch bei mir. Ich kann ohne Bücher nicht leben.

Was lesen Sie denn gerade?

Das kann ich so pauschal nicht beantworten.

Sie wissen nicht, was Sie lesen?

Das Problem ist, dass ich im Moment fünf Bücher parallel lese. Ganz verschiedene Genres, das kommt ganz auf die Laune an.

Sind Ihre Gedanken denn immer am Kreisen?

Ich versuche meinen Kopf auch mal zu entleeren. Dann gehe ich in die Sauna, gehe in den Wald joggen oder spazieren.

Wie hat Ihre Frau auf den neuen Job reagiert?

Meine Familie ist während der Sportferien in der Slowakei. So konnte ich meine Frau nur telefonisch vom Anruf von Giorgio Behr unterrichten. Sie ist aber auch glücklich. Sie weiss, dass ich verrückt nach Handball bin und den Sport liebe.

Das sind doch die besten Voraussetzungen für eine steile Karriere als Trainer …

(lacht) Wenn Sie das sagen.

Schweben Sie momentan ein bisschen auf einer «Wolke der Glückseligkeit»?

Keine Sorge. Ich bin sehr bodenständig, ich brauche nicht fliegen. Ich habe mir natürlich ein paar Gedanken gemacht nach dieser grossen Entscheidung. Aber ich bin immer wieder schnell fokussiert auf meine neue Aufgabe und mit Spass dabei.

 

Peter Kukucka: Die Fakten zum neuen Trainer

Geburtsdatum: 20. Juli 1982
Geburtsort: Bojnice, Slowakei
Familienstand: Verheiratet mit Christina, eine Tochter (Karolina)
Hobbys: Schach und Lesen
Vereine als Profi: Povaszka Bystrica, Tatran Presov, Dunaferr, HSG Nordhorn, Kadetten Schaffhausen
Länderspiele für die Slowakei 108
Bei den Kadetten seit Februar 2009

Quelle: Schaffhauser Nachrichten

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